Die Münzprägung Siziliens gilt als eine der künstlerisch innovativsten der Antike. Bereits im 6. Jahrhundert v. Chr. nutzen die Städte große, flache Schrötlinge, die eine differenzierte Bildgestaltung erlauben. Anders als die oft schematischen Münzen der Ägäis entstehen hier schon früh komplexe Kompositionen. Besonders im 5. Jahrhundert v. Chr. entwickeln die Stempelschneider eine außergewöhnliche Dynamik: Sie signieren ihre Werke (1), treten als Künstlerpersönlichkeiten hervor und machen die Münze zum Kunstwerk.
Ein Höhepunkt sind die Prägungen von Syrakus mit dem Viergespann (Quadriga) und dem Kopf der Arethusa. Zunächst streng in der Seitenansicht gehalten (2), wird die Darstellung zunehmend räumlich (3). Pferde und Wagenlenker erscheinen in Bewegung, Räder sind schräggestellt, Überschneidungen schaffen Tiefe – die Quadriga scheint aus dem Münzbild herauszufahren. Auch Arethusa wird aus der Seiten- in eine Dreiviertelansicht gedreht (4), die trotz geringer Relieftiefe erstaunliche Plastizität erreicht.
Andere Städte wie Naxos (5) oder Himera (6) experimentieren ebenfalls mit Verkürzungen, Überschneidungen und der Öffnung des Bildraums über das Münzrund hinaus (7–8). Selbst topographische Elemente wie der sichelförmige Hafen von Zankle (9–10) oder Landkartenmotive (11) werden in Münzbilder übertragen.
Diese Innovationen belegen den hohen ästhetischen Anspruch sizilischer Prägungen. Sie zeigen Münzen nicht nur als Zahlungsmittel, sondern als Träger künstlerischer Experimente mit Raum und Perspektive – eine neue Dimension antiker Bildkunst.
Einige der künstlerischen Innovationen begegnen auch in der zeitgenössischen Vasenmalerei, wie etwa kunstvolle Seitenansichten von Frauenköpfen (12, Epinetron) und später auch die Dreiviertelansicht sowie Überschreitung von formalen Bildgrenzen (13, Kentaurenvase). Auch Raumtiefe wird durch Überschneidungen von Figuren (14, Nolanische Amphore) oder Körperteilen (15, Kanne) erreicht. Diese Vergleiche mit der Vasenmalerei zeigen, dass die Münzschneider an breiteren künstlerischen Trends der Zeit teilhatten und diese vielleicht sogar aktiv vorantrieben.

MMünze 1 | Kopf der Arethusa im Dreiviertelprofil, umgeben von vier Delfinen; auf dem Haarband vor ihrer Stirn die Signatur ΚΙΜΩΝ des Stempelschneiders, Fälschung nach in Syrakus geprägten Tetradrachmenünze 1 | Demeter mit Getreideähre auf Viergespann, in Enna geprägt

Münze 2 | Kopf der Arethusa mit Perlenkette und Perlband nach rechts; umgeben von vier Delfinen, in Syrakus geprägt

Münze 2 | Kopf der Arethusa mit Kopftuch (sakkos) im Haar und umgeben von vier Delfinen, in Syrakus geprägt

Münze 2 | eingeschlagenes Viereck (quadratum incusum) mit dem Kopf der Arethusa im Zentrum, in Syrakus geprägt

Münze 3 | Kopf der Arethusa mit Schilf bekränzt und umgeben von drei Delfinen; unter dem Kopf der Magistratsname ΦΙ, in Syrakus geprägt

Münze 4 | Viergespann (quadriga), dessen Wagenlenker von Nike bekränzt wird, unter den Pferden umgestürtzte Wendesäule, galvanoplastische Kopie nach in Syrakus geprägten, vom Stempelschneider Kimon signierten Tetradrachmen

Münze 5 | hockender nackter Dämon aus dem Umfeld des Dionysos (satyros) mit Trinkkelch (kantharos), in Naxos geprägt

Münze 6 | Nymphe Himera mit Opferschale, links ein flammender Altar; rechts ein Sämon aus dem Umfeld des Dionysos (silenos), der sich mit Wasser wäscht, welches aus einem Löwenkopfwasserspeier fließt; im Abschnitt Fisch, in Himera geprägt

Münze 7 | Kopf des Dionysos, dessen Bart über den Perlkreis hinausragt, in Naxos geprägt

Münze 8 | Kopf eines Dämons im Umfeld des Dionysos (silenos), dessen Bart über den Perlkreis hinausragt, in Katane geprägt

Münze 9 | Delphin in sichelförmigem Hafenbecken, in Zankle geprägt

Münze 10 | Delphin in sichelförmigem Hafenbecken, in Zankle geprägt

Münze 11 | verschleierte Stadtgöttin (Tyche), umgeben von einer Linie, die dem gedrehten Umriss Siziliens entspricht, in Lilybaion geprägt

Objekt 12 | Epinetron, mit Frauenkopf im Profil, in Athen gefertigt

Objekt 13 | Mischwesen aus Pferd und Mann (kentauros) mit Trinkhorn; die Hinterläufe ragen über den Bildrsahmen hinaus, in Athen gefertigt

Objekt 14 | Poseidon verfolgt Frau; die Überschneidungen schaffen Raumtiefe, in Athen gefertigt

Objekt 15 | nackter auf Felsen sitzender Jüngling; das schräg gestellte Sitzmotiv schafft Raumtiefe, in TauromenionSüditalien (Apulien) gefertigt

Münze 1 | Kopf der Arethusa im Dreiviertelprofil, umgeben von vier Delfinen; auf dem Haarband vor ihrer Stirn die Signatur ΚΙΜΩΝ des Stempelschneiders, Fälschung nach in Syrakus geprägten Tetradrachmen

Inv. M 9118
Tetradrachme (Fälschung)
Silber
17,08 g; Dm 30 mm; Stempelstellung 6 h
ca. 413 – 399 v. Chr., in Syrakus geprägt, von Kimon signiert

Münze 2 | Kopf der Arethusa mit Perlenkette und Perlband nach rechts; umgeben von vier Delfinen, in Syrakus geprägt

Inv. M 9078
Tetradrachme
Silber
17,54 g; Dm 27 mm; Stempelstellung 6 h
nach 480 v. Chr., in Syrakus geprägt

Münze 2 | Kopf der Arethusa mit Kopftuch (sakkos) im Haar und umgeben von vier Delfinen, in Syrakus geprägt

Inv. M 6303
Tetradrachme
Silber
17,02 g; Dm 27 mm; Stempelstellung 7 h
ca. 450 – 439 v. Chr., in Syrakus geprägt

Münze 2 | eingeschlagenes Viereck (quadratum incusum) mit dem Kopf der Arethusa im Zentrum, in Syrakus geprägt

Inv. 9050
Tetradrachme
Silber
17,44 g; Dm 27 mm; Stempelstellung 10 h
ca. 510 – 485 v. Chr., in Syrakus geprägt

Münze 3 | Kopf der Arethusa mit Schilf bekränzt und umgeben von drei Delfinen; unter dem Kopf der Magistratsname ΦΙ, in Syrakus geprägt

Inv. 9165
Tetradrachme
Silber
16,82 g; Dm 25 mm; Stempelstellung 3 h
ca. 310 – 305 v. Chr., in Syrakus geprägt

Münze 4 | Viergespann (quadriga), dessen Wagenlenker von Nike bekränzt wird, unter den Pferden umgestürtzte Wendesäule, galvanoplastische Kopie nach in Syrakus geprägten, vom Stempelschneider Kimon signierten Tetradrachmen

Inv. MG 11
Tetradrachme (galvanoplastische Kopie)
Silber
15 g; Dm 30 mm; Stempelstellung 5 h
ca. 413 – 399 v. Chr., in Syrakus geprägt, von Kimon signiert

Münze 5 | hockender nackter Dämon aus dem Umfeld des Dionysos (satyros) mit Trinkkelch (kantharos), in Naxos geprägt

Inv. M 8848
Drachme
Silber
4,13 g; Dm 18 mm; Stempelstellung 12 h
ca. 461 – 430 v. Chr., in Naxos geprägt

Münze 6 | Nymphe Himera mit Opferschale, links ein flammender Altar; rechts ein Sämon aus dem Umfeld des Dionysos (silenos), der sich mit Wasser wäscht, welches aus einem Löwenkopfwasserspeier fließt; im Abschnitt Fisch, in Himera geprägt

Inv. M 6166
Tetradrachme
Silber
16,54 g; Dm 24 mm; Stempelstellung 6 h
ca. 440 – 430 v. Chr., in Himera geprägt

Münze 7 | Kopf des Dionysos, dessen Bart über den Perlkreis hinausragt, in Naxos geprägt

Inv. M 6251
Drachme
Silber
3,86 g; Dm 29 mm; Stempelstellung 1 h
ca. 461 – 430 v. Chr., in Naxos geprägt

Münze 8 | Kopf eines Dämons im Umfeld des Dionysos (silenos), dessen Bart über den Perlkreis hinausragt, in Katane geprägt

Inv. M 6193
Litra
Silber
0,72 g; Dm 13 mm; Stempelstellung 7 h
ca. 461 – 450/445 v. Chr., in Katane geprägt

Münze 9 | Delphin in sichelförmigem Hafenbecken, in Zankle geprägt

Inv. M 8744
Halb-Litra (Hemilitra)
Silber
0,37 g; Dm 8 mm; Stempelstellung 12 h
ca. 520 – 493 v. Chr., in Zankle geprägt

Münze 10 | Delphin in sichelförmigem Hafenbecken, in Zankle geprägt

Inv. M 375
Drittel-Stater  (Trite)
Silber
5,51 g; Dm 24 mm; Stempelstellung 10 h
ca. 520 – 493 v. Chr., in Zankle geprägt

Münze 11 | verschleierte Stadtgöttin (Tyche), umgeben von einer Linie, die dem gedrehten Umriss Siziliens entspricht, in Lilybaion geprägt

Inv. M 8723
Münze
Bronze
22,29 g; Dm 29 mm; Stempelstellung 12 h
36 v. Chr., in Lilybaion geprägt

Objekt 12 | Epinetron, mit Frauenkopf im Profil, in Athen gefertigt

Leihgabe Athen, Nationalmuseum Inv. A 2182
Epinetron
Ton
L 26,0 cm
ca. 440/430 v. Chr., attisch-rotfigurig

Dieses Epinetron ist eine Leihgabe des Archäologischen Nationalmuseums Athen. Es handelt sich nicht nur um ein eher seltenes archäologisches Objekt, sondern es steht auch für einen Austausch zwischen zwei Museen: Hintergrund der Leihgabe ist die Schenkung eines antiken Trinkgefäßes aus unserer Sammlung an das Archäologische Nationalmuseum im Jahr 2019. Als Geste der Wertschätzung stellt uns nun das Athener Nationalmuseum dieses Epinetron zur Verfügung.
Ein Epinetron dient zur Verarbeitung von Garn. Der Halbzylinder aus Ton wird so auf den Oberschenkel gelegt, dass auch das Knie bedeckt ist. Es diente zum Schutz bei der Herstellung von Garn im Rahmen der Textilproduktion. Es war also ein Arbeitsgerät, das zunächst einmal in den Bereich des Frauengemachs gehört. Darauf deuten auch die figürlichen Darstellungen auf einigen Epinetra. Denn viele der Stücke sind reich dekoriert und haben Schuppen auf der Oberseite. Solche bemalten Stücke sind als Statussymbole zu verstehen und verweisen auf weibliche Tugend, Fleiß, Anmut und Heiratsfähigkeit.
Auch das hier ausgestellte Epinetron wurde nie als Arbeitsgerät genutzt. Es gelangte als Beigabe in das Grab einer Frau in Athen. Solche tönernen Epinetra sind nur im 6. bis frühen 4. Jahrhundert v. Chr. belegt und sie gehören zu den raren Zeugnissen griechischer bemalter Keramik, für die Frauen als Zielpublikum und Nutzerkreis ausgemacht werden können.

Objekt 13 | Mischwesen aus Pferd und Mann (kentauros) mit Trinkhorn; die Hinterläufe ragen über den Bildrsahmen hinaus, in Athen gefertigt

Inv. 6050
Trinkschale: Kentaur
Ton
H 8,2 cm; Dm mit Henkeln 33,8 cm
Anfang 4. Jh. v. Chr.; attisch-rotfigurig, Meleager-Maler

Diese Schale bildet auf dem Schaleninnenbild, dem Tondo, einen nach links gewandten Kentauren ab, der sich im Sprung befindet. Die Vorderhufe sind erhoben, während die hinteren markanterweise den Rahmen des Bildfeldes überschneiden. Die längeren weißen Haare und der Bart charakterisieren den Kentaur als bereits im Alter fortgeschritten. Sein Kopf ist im Dreiviertelporträt angegeben. In seiner rechten Hand hält das Mischwesen ein Trinkhorn und über seinen linken Unterarm und Hand hat er ein Tierfell geschlungen, bei dem es sich um das einer Raubkatze handelt, möglicherweise das eines Panthers. Unter dem Kentaur liegt eine umgestoßene Hydria, die das ungestüme Agieren des Kentauren in eine häusliche Atmosphäre verlagert. Die Szene entpuppt sich als Ausschnitt eines Kentaurenkampfes anlässlich der Hochzeit des Peirithoos.

Objekt 14 | Poseidon verfolgt Frau; die Überschneidungen schaffen Raumtiefe, in Athen gefertigt

Leihgabe Dr. Jordan, Inv. J 111
Nolanische Amphora: Liebesverfolgungsszene
Ton
H 32,5 cm; Dm Lippe 14,9 cm
435 – 430 v. Chr.; attisch-rotfigurig, Phiale-Maler

Das Bildfeld der A-Seite auf dieser sogenannten nolanischen Amphora zeigt links eine männliche und rechts eine weibliche Figur. Der bärtige Mann mit Kranz im Haar trägt einen Mantel. Er ist in weitem Ausfallschritt wiedergegeben und berührt mit seiner rechten Hand die Frau. In seiner linken hält der Mann einen Dreizack. Dieser identifiziert den Dargestellten als den Gott Poseidon. Die nach rechts eilende Frau im Gewand und mit aufgebundenen Haaren ist mit erhobener rechter Hand in der Pose einer Fliehenden wiedergegeben. Solche Verfolgungsszenen, wo Poseidon entweder die Aithra, Amymone oder Amphitrite jagt, sind ab ca. 500 v. Chr. sehr beliebt. Bei dieser Darstellung ist besonders die Überschneidung der Figuren, von Jäger und Gejagter, zu bemerken, die eine gewisse Raumtiefe hervorrufen.

Münze 15 | nackter auf Felsen sitzender Jüngling; das schräg gestellte Sitzmotiv schafft Raumtiefe, in TauromenionSüditalien (Apulien) gefertigt

Leihgabe Dr. Jordan, Inv. J 107
Weinkanne (oinochoe) mit Jüngling (Dionysos?) zwischen zwei Frauen
Ton
H 22,5 cm; max. Dm 17,3 cm
um 370 – 360 v.Chr.; apulisch-rotfigurig, Lecce-Maler

Diese bauchige Kanne mit Kleeblattmündung zeigt einen auf einem Felsen sitzenden, unbekleideten Jüngling im Dreiviertelprofil nach links. Sein lockiges Haupt ziert ein weißes Stoffband (tainia). Er hält eine mit weißen Strichen dekorierte Spendeschale mit rundlichen weißen Objekten, womöglich Eier und/oder Granatäpfel, in seiner rechten Hand, die linke ruht auf dem Stein. Neben ihm stehen in Gewänder gekleidete Frauen. Die linke Frau ist dem Jüngling zugewandt und hält eine verblasste weiße Tänie in ihrer linken Hand, während die rechte Frau den Jüngling mit der rechten Hand hinter der Schulter am Rücken berührt.