Medizin – vom Wundarzt bis Hippokrates
Lange vor dem eigentlichen Beginn der Medizin, die wir als Wissenschaft bezeichnen und mit dem Namen Hippokrates verknüpfen, sind griechische Ärzte (1) tätig. Insbesondere in den Erzählungen Homers wird von Wundärzten während des Trojanischen Krieges berichtet. Funde aus dem 15. Jh. v. Chr. bezeugen bereits metallene chirurgische Instrumente, wie wir sie in dieser Vitrine als römische Produkte präsentieren (2). Der Vergleich zu aktuellem Zahnarztbesteck (3) verdeutlicht, dass die Unterschiede nicht wirklich gravierend sind.
Apollon ist zunächst der Gott, der sowohl die Krankheiten wie die Pest schickt, aber auch heilt. Apollon Smintheus hat auf der Münze (4) eine Maus zu seinen Füßen sitzen.
Als sein Sohn gilt der Gott Asklepios (im Römischen Aesculapius 5), dessen Heiligtum in Athen unter anderem dank des Engagements des Tragödiendichters Sophokles gegen 420 v. Chr. gegründet wird. Weitere wichtige Heilzentren in der Antike sind Epidauros, Kos und Pergamon. Des Gottes wichtigstes Attribut ist der Schlangenstab, der noch heute als Symbol der Apotheken dient. Seine Tochter, die Personifikation der Gesundheit, heißt Hygieia (6). Sie nährt eine Schlange aus einer Spendeschale. Sie ist nicht nur für den Heilschlaf zuständig, sondern auch Ratgeberin mittels Traumorakel.
In der Antike sind oftmals Körperteile (7) den heilenden Gottheiten gestiftet worden – entweder, um um Heilung zu bitten oder für diese zu danken. Das Reliefbild der Tonlampe (8) zeigt eine Gruppe von Menschen, die zwei Kranke in das Heiligtum der Isis in Alexandreia/Ägypten tragen.
Objekt 1 | Porträtkopf eines Arztes
Objekt 2 | Salbenreiber
Objekt 3 | Meißel
Objekt 4 |Pinzette
Objekt 5 | Ohrlöffel
Objekt 6 | Ohrlöffel
Objekt 7 | Löffelsonde
Objekt 8 | Haken
Objekt 9 | Skalpell-Griff mit Resten der Klinge
Objekt 10 | Starnadel
Objekt 11 | Blasensteinentfernungs-Instrument (lithotomon)
Objekt 12 | Spatelsonde
Objekt 13 | Spatelsonde
Objekt 14 | aktuelle medizinische Instrumente
Objekt 15 | Münze mit Darstellung des Apollon Smintheus
Objekt 16 | Statuette / Aesculapius
Objekt 17 | Statuette / Asklepiostochter Hygieia
Objekt 18 | Weihungen von Darstellungen von Körperteilen
Objekt 19 | Lampe / Kranke werden in ein Heiligtum der Isis gebracht
Objekt 1 | Porträtkopf eines Arztes
Porträtkopf eines Arztes
Gipsabguss des Kopfes von einer Marmorstatue, aus dem Odeion von Kos – Kos, Archäologisches Museum, Inv. 32
ca. 300–290 v. Chr.
Inv. A 419 – Leihgabe aus Privatbesitz
Lange Zeit galt dieses Bildnis als das des berühmtesten Arztes von Kos – Hippokrates –, nach dem der aktuelle Eid der Ärztinnen und Ärzte benannt ist. Nun wird er als einer der Nachfolger interpretiert.
Objekt 2 | Salbenreiber
Salbenreiber
aus Bronze
aus Anatolien – vom Vorbesitzer in Kula / Türkei erworben
Dieses Gerät wird für die Zubereitung von Salben und Medikamenten genutzt. Da viele Ärztinnen und Ärzte auch ihre eigenen Medikamente herstellen, gehört ein pharmazeutisches Instrument zu den medizinischen. Diese dünne Form ist typisch für die Spätantike und die frühe byzantinische Zeit.
ca. 300–500 n. Chr.
Inv. 2919 – ehemals Sammlung Ernst-Ulrich Walter
Objekt 3 | Meißel
Meißel
aus Bronze
Der Meißel taucht in der medizinischen Literatur im Zusammenhang mit der Behandlung von Knochen auf, beispielsweise als Hobel, zum Glätten oder Kratzen und hauptsächlich zum Zerteilen von Knochen. Dieses Instrument wird bei falsch heilenden Brüchen, bei Vielfingrigkeit/Mehrzehigkeit sowie bei Eingriffen, bei denen ein Knochen im Weg ist, benutzt. Im Falle einer Schädelöffnung (Trepanation) wird er nach Auskunft des berühmten Arztes Celsus nur im Notfall verwendet. Weitere Anwendungsbereiche sind das Zähneziehen sowie die Zertrümmerung von Blasensteinen.
ca. 1–200 n. Chr.
Inv. L GE H 54.2 – Dauerleihgabe der Stadt Gelsenkirchen
Objekt 4 | Pinzette
Pinzette
aus Bronze
Mit Pinzetten dieser Form werden Zahnfragmente aus dem Kiefer, Fremdkörper aus Augen, Nasen und Ohren sowie Knochensplitter im Zusammenhang mit Schädel- oder Nasenfrakturen entfernt. Diese Pinzette gehört wohl zu den Epiliergeräten, deren Feststellring die Handhabung erleichtert.
ca. 1–200 n. Chr.
Inv. 2762a – Stiftung aus dem Umkreis der Kerykeionstiftung für Archäologische Museen
Objekt 5 | Ohrlöffel
Ohrlöffel
aus Bronze
Ohrlöffel – lateinisch specillum – finden wie andere Sonden Verwendung in der Kosmetik, Pharmazie, dienen aber auch zum Abdrücken der Nagelhaut und mit dem Nadelende als Zahnstocher. In der Medizin wird dieses Instrument für das Auskratzen von Fisteln, der Reinigung von Wunden und der oberflächlichen Wundbehandlung eingesetzt. Es konnte auch durch Erhitzen Gewebe veröden, Blutungen stillen oder Tumore entfernen.
ca. 1–400 n. Chr.
Inv. L GV 541a – Dauerleihgabe der Stadt Grevenbroich
Objekt 6 | Ohrlöffel
Ohrlöffel
aus Bronze
s.o. Nr. 5
ca. 1–400 n. Chr.
Inv. 631
Objekt 7 | Löffelsonde
Löffelsonde
aus Bronze
Die Löffelsonde hat die für Sonden typischen Merkmale des geraden Schaftes und des Olivenkernendes sowie einen langgestreckten, schmalen namensgebenden Löffel. Dieses Instrument dient in der Pharmazie zum Mischen von Salben und Medikamenten. In der Medizin werden diese Sonden zum Auskratzen und -schaben von Wunden benutzt.
ca. 1–300 n. Chr.
Inv. L GV 468 – Dauerleihgabe der Stadt Grevenbroich
Objekt 8 | Haken
Haken
aus Bronze
Die medizinischen Haken werden in spitze und stumpfe geschieden. Dieses Exemplar gehört zur Gattung der stumpfen Haken. Diese werden eingesetzt, wenn das Gewebe nicht beschädigt werden soll: z.B. um nach Fremdkörpern zu tasten, um das Lid bei Augenoperationen zu strecken, um das Bauchfell oder einen Aneurysma anzuheben oder um Splitter aus einem geöffneten Schädel zu entfernen.
ca. 100–300 n. Chr.
Inv. L GV 522d – Dauerleihgabe der Stadt Grevenbroich
Objekt 9 | Skalpell-Griff mit Resten der Klinge
Skalpell-Griff mit Resten der Klinge
aus Bronze und Eisen
aus Anatolien – vom Vorbesitzer in Kula / Türkei erworben
Als medizinisches Instrument wird das Skalpell zum Sezieren, Schneiden und Stechen verwendet. Das typische Skalpell besteht aus einem vierkantigen Griff aus Bronze mit einem spatelförmigen Ende. Die Klinge besteht aus Eisen und wird durch eine v-förmige Einlassung in den Bronzegriff eingesetzt. Durch beide Seiten der Einlassung dieses Münsteraner Griffes ist ein Loch gebohrt, um die Klinge durch Lötung zu befestigen.
ca. 100–300 n. Chr.
Inv. 2924 – ehemals Sammlung Ernst-Ulrich Walter
Objekt 10 | Starnadel
Starnadel
aus Eisen
Die Behebung des Grauen Stars, die Trübung der Augenlinse, wird vom römischen Arzt Celsus beschrieben: Der/die Patient/in soll in das Licht schauen, während der Arzt/die Ärztin auf einem etwas höheren Stuhl gegenübersitzt. Eine assistierende Person hält den Kopf des/der Patienten/in fest. Der Arzt/die Ärztin sticht in der Umgebung der Iris ein, ausgehend von der Region am kleinen Augenwinkel, bis die Nadel in den Hohlraum eindringt und den Star trifft. Dann richtet der Arzt/die Ärztin die Nadel seitlich mit der Spitze gegen die Iris und entfernen die an der Pupille gesammelte Flüssigkeit durch Kratzen.
ca. 1–400 n. Chr.
Inv. 635
Objekt 11 | Blasensteinentfernungs-Instrument (lithotomon)
Blasensteinentfernungs-Instrument (lithotomon)
aus Bronze und Eisen
Blasensteine sind in der römischen Welt aufgrund der Unterernährung und des Nährstoffmangels ein weit verbreitetes Problem, insbesondere bei jungen Männern. Die Spezialisierung auf die Entfernung von Blasensteinen wird im Schwur des Hippokrates im 4. Jh. v. Chr. bereits erwähnt, allerdings nicht erläutert. Die werdenden Ärzt/innen schwören, diese Operation den Spezialist/innen zu überlassen. Erst der römische Arzt Celsus beschreibt die genaue Prozedur mit zwei getrennten Instrumenten, die später in einem Instrument vereint genutzt wird: ein Skalpell und ein Spatel. Der Spatel – lithoulkos – hat eine konvexe Außenseite und eine aufgeraute konvexe Innenseite, um das Organ auszuräumen.
ca. 100–300 v. Chr.
Inv. 4147 – ehemals Münsteraner Sammlung
für weitere Informationen siehe:
https://westfalen.museum-digital.de/object/3758
Objekt 12 | Spatelsonde
Spatelsonde
aus Bronze
Eine Spatelsonde (lateinisch spatholomele) zeichnet sich durch ihre flache, spatelförmige Instrumentenfläche gepaart mit einem olivenkernförmigen Ende aus. In der Kosmetik werden sie für das Reiben von Schminken und das Mischen von Ölen verwendet, in der Malerei zum Anreiben, Mischen und Auftragen von Farbe und in der Pharmazie für die Zubereitung und das Auftragen von Salben und Pasten. Antike Quellen erwähnen die Spatelsonde als medizinisches Instrument zur Abtastung der Rachenhöhle und der Hirnwindungen. Erhitzt dienten diese Instrumente auch zum Zerstören, Durchtrennen und Veröden von Gewebe.
ca. 1-400 n. Chr.
Inv. 4156 – ehemals Münsteraner Sammlung
Objekt 13 | Spatelsonde
Spatelsonde
aus Bronze
s. Nr. 12
ca. 100–400 n. Chr.
Inv. 4144 – ehemals Münsteraner Sammlung
Objekt 14 | aktuelle medizinische Instrumente
aktuelle medizinische Instrumente
aus Edelstahl
Inv. – ehemals in einer Münsteraner Zahnarztpraxis in Verwendung
Objekt 15 | Münze mit Darstellung des Apollon Smintheus
Münze mit Darstellung des Apollon Smintheus
aus Buntmetall, 2,09 g; Dm 14 mm; Stempelstellung 11 h
Apollon Smintheus mit vorgestreckter linker Hand mit Pfeil und Bogen, in der rechten Hand wohl eine Schale, auf dem Rücken ein Köcher, vor seinen Füßen eine Maus
ca. 301–281 v. Chr. in Alexandreia Troas / Nordwesttürkei geprägt
Inv. M 5347
Smintheus kann als „Mäusevertilger“ übersetzt werden. Ob die Maus in diesem Zusammenhang als Hinweis für Seuchen begriffen werden kann, ist umstritten. Dennoch gilt es als sicher, dass Apollon der Gott der Heilkunst ist.
für weitere Informationen:
https://archaeologie.uni-muenster.de/ikmk/object?id=ID177
Objekt 16 | Münze mit Darstellung des Apollon Smintheus
Statuette / Aesculapius
aus Bronze
Der griechische Gott der Heilkunst Asklepios heißt im Römischen Reich Aesculapius. Wie sein griechisches Vorbild wird er in einen Mantel gehüllt mit Stab, um den sich eine Schlange ringelt, wiedergegeben – leider ist dieses Attribut an unserer Statuette nicht erhalten.
ca. 1–300 n. Chr.
Inv. 2724 – ehemals Münsteraner Sammlung
Objekt 17 | Statuette / Asklepiostochter Hygieia
Statuette / Asklepiostochter Hygieia
aus Marmor
aus Anatolien – in Silifke / Südwesttürkei erworben
Die Göttin trägt als Leibgewand ein Leinenkleid (chiton), darüber ein Schlauchgewand (peronatris) und einen Mantel (himation). Sie hält in ihrer rechten Hand eine Schlange, die sie aus einer Spendeschale trinken lässt.
ca. 120 v. – 100 n. Chr.
Inv. 2301 – ehemals Sammlung Ernst-Ulrich Walter
Hygieia – von ihrem Namen ist unser Begriff Hygiene abgeleitet – tränkt eine Schlange. Dieses Tier ist auch ihrem Vater zugeordnet, der bisweilen als solches wiedergegeben wird. In den Heiligtümern von Asklepios und Hygieia sind durch literarische Quellen Schlangen bezeugt.
Objekt 18 | Weihungen von Darstellungen von Körperteilen
Weihungen von Darstellungen von Körperteilen
aus Ton
aus Etrurien / Mittelitalien
ein Paar Augen und ein Paar Ohren
ca. 350–1 v. Chr.
Inv. 513 + 514
Derartige Weihgeschenke werden entweder mit der Bitte um Heilung oder als Dank dafür der entsprechenden Gottheit gestiftet – bei den Etruskern sind wohl alle Götter auch für die Heilung zuständig.
Objekt 19 | Lampe / Kranke werden in ein Heiligtum der Isis gebracht
Lampe / Kranke werden in ein Heiligtum der Isis gebracht
aus Ton
aus Ägypten
Diese prächtige Lampe weist zehn Dochtlöcher auf. Nicht nur die Form ist etwas Besonderes, sondern auch das Reliefbild: links ein Mann mit Pferd vor einem Gebäude; in der Mitte eine Treppe, die zu einer Tempelfassade führt, in der geöffneten Tür steht ein Mann; von rechts nähern sich fünf Personen – eine Frau und zwei Männer, die je eine weitere wohl kranke Person tragen; rechts folgt ein Altar (hier wegen der Beschädigung nicht zu erkennen). Vergleichbare Lampen mit erweitertem Bild zeigen Bestandteile eines Isisheiligtums, die in einem Heiligtum in Alexandreia (Ägypten) als Heilung bringende Göttin bezeugt ist.
ca. 80 – 120 n. Chr.
Inv. 461 – ehemals Sammlung Otto Rubensohn





















































































