Totenkult











Totenkult
Heutige Begräbnisfeierlichkeiten sind insbesondere vom Blumenschmuck dominiert. Aber warum nur bringen wir grüne Kränze mit frischen Blumen sowie einer Stoffbinde ans Grab der Verstorbenen? Der Totenkult im griechischen Altertum bietet Erklärungen für unser heutiges Brauchtum.
Immergrünes Geäst ist in der Antike als Beigabe überliefert und soll die Zeitlosigkeit der Gabe bezeugen. Der Kranz ist das Symbol für ewige Verbundenheit, so wie er auch im heutigen Ehering zu greifen ist. Nach dem Denken im antiken Griechenland benötigen die Verstorbenen auf der Insel der Seligen regelmäßige familiäre Zuwendung, um im Jenseits existieren zu können. Die Stoffbinde (tänia) – heutzutage beschriftet – ist in der Antike ein Geschenk, das die Kraft der gebenden Person an die empfangende überträgt. Tänien werden demzufolge nicht nur als Beigaben an die Toten verschenkt, sondern dienen auch gern als Schmuck für Grabreliefs bzw. Grabmonumente.
Bestattungen sind in der Antike ein klar strukturiertes Zeremoniell: Verstorbene werden im Haus aufgebahrt, so dass die Familie, die Nachbarn und Freunde Abschied nehmen können. Ein Leichenumzug sorgt dann für die Überführung des Leichnams auf den Friedhof – so wie heute auch dient ein Wagen als Transportmittel. Je nach familiärer Tradition und dem Zeitgeschmack wird entweder eine Körperbestattung (9) oder die Verbrennung des Leichnams und somit die Urnenbeisetzung (4, 10–11) vorgenommen. Anders als heute gibt es Beigaben – vor allem Tongefäße (1–5, 7–8, 10–11), die im Jenseits dazu dienen sollen, Gäste bewirten zu können. Das Umrunden des Grabhügels dient in frühen Zeiten der Ehrung des Toten (4 + 7). Über Gräber wird „Post“ an die Unterweltsgötter verschickt, so wie es bleierne Fluchtäfelchen (6) aus Athen bezeugen.
Objekt 1| Duftölgefäß (lekythos) / Jüngling an Grabmahl
Objekt 2| Kopie eines Duftölgefäßes (lekythos) / Hermes wird Frau in die Unterwelt führen
Objekt 3| Gefäß zum Mischen von Wein und Wasser (sogenannter Volutenkrater) / sitzender Jüngling in Grabtempelfassade (naiskos)
Objekt 4| Vorratsgefäß (amphora) / Totenklage
Objekt 5| Grabbeigaben
Objekt 6| Fluchtäfelchen
Objekt 7| Wassergefäß (hydria) / Bestattung des Patroklos durch Achilleus – Götterversammlung
Objekt 8| Duftölgefäß (lekythos) / Unterweltsszenen
Objekt 9| Sarkophag-Ecke
Objekt 10| Schüssel mit Leichenbrand
Objekt 11| Haushaltsgefäß / Urne
Objekt 1 | Duftölgefäß (lekythos) / Jüngling an Grabmahl
Duftölgefäß (lekythos) / Jüngling an Grabmahl
aus Ton
aus Athen (attisch-weißgrundig), gefunden im Friedhof Kerameikos
Links von einer hohen mit roten Bändern geschmückten Grabstele mit zweistufiger Basis steht nach links gewandt ein Jüngling mit ausgestreckter Rechten.
ca. 430 v. Chr. – Umkreis des Tymbos-Malers
Inv. 315 – ehemals Sammlung Rubensohn
Objekt 2 | Kopie eines Duftölgefäßes (lekythos) / Hermes wird Frau in die Unterwelt führen
Kopie eines Duftölgefäßes (lekythos) / Hermes wird Frau in die Unterwelt führen
aus Ton
Original aus Athen (attisch weißgrundig) in München, Staatliche Antikensammlungen, Inv. 2797
Hermes – erkennbar an seinem Botenstab (kerykeion) – sitzt auf einem Felsen und redet gemäß der Geste mit seiner Hand mit der ihm gegenüberstehenden Frau. Diese richtet ihr Diadem (stephane) und steht links von einem Grabdenkmal. Wahrscheinlich ist sie die Seele der Verstorbenen neben ihrem Grab, die von Hermes in seiner Funktion als Seelengeleiter (psychopompos) ins Jenseits geführt wird.
Original ca. 450 v. Chr. – Phiale-Maler
Inv.
Objekt 3 | Gefäß zum Mischen von Wein und Wasser (sogenannter Volutenkrater) / sitzender Jüngling in Grabtempelfassade (naiskos)
Gefäß zum Mischen von Wein und Wasser (sogenannter Volutenkrater) / sitzender Jüngling in Grabtempelfassade (naiskos)
aus Ton
aus Apulien/Südostitalien (apulisch-rotfigurig)
Die Vorderseite dieses für Apulien typischen Grabgefäßes – empfindliche Malfarben und fehlender Gefäßboden bezeugen diese Funktion – zeigt auf dem Bauchbild in einer Grabtempelfassade, die von zwei Stoffbinden flankiert ist, einen auf seinem roten Mantel sitzenden nackten Jüngling mit Kranz. Das Halsbild zeigt einen Frauenkopf in Ranken – wohl ein verkürztes Bild für die im Winter untergehende aber im Frühling wiederkehrende Pflanzenwelt – auch ein Zeichen für ein Leben nach dem Tode.
ca. 340–330 v. Chr. – Strötgen-Maler
Inv. 902 – ehemals Sammlung der Eheleute Görtz-Strötgen
Dieser Volutenkrater ist wie sieben weitere dem Strötgen-Maler zugewiesen. Benannt nach Mann/Frau des Essener Ehepaares, dass seine komplette Antikensammlung dem Archäologischen Museum der Universität Münster testamentarisch hinterlassen hat.
Objekt 4 | Vorratsgefäß (amphora) / Totenklage
Vorratsgefäß (amphora) / Totenklage
aus Ton
aus Athen (attisch-spätgeometrisch)
auf dem Körper: Fries mit laufenden Hunden; ein Kriegerumzug im Gespann bzw. zu Fuß; Fries mit Schilden
auf dem Hals: Gruppe von klatschenden Männern
ca. 730–720 v. Chr.
Inv. 272
Derartige Amphoren werden im 8. Jh. v. Chr. als Urne in Gräbern verwendet. Dies wird auch durch die plastischen Schlangen an der Mündung deutlich, die als Dekoration von Alltagsgeschirr undenkbar sind. Dementsprechend kann man auch die figürliche Bemalung interpretieren: Insbesondere der Kriegerumzug und die klatschenden Männer können direkt mit Totenfeierlichkeiten in Verbindung gebracht werden. Das Halsbild steht für musikalische Reigen während der Bestattung und der Kriegerumzug um die Asche im Gefäß entspricht dem gleichen Zeremoniell um ein Grab (siehe unten Nr. 7).
für weitere Informationen:
https://westfalen.museum-digital.de/object/3741
Objekt 5 | Grabbeigaben

Grabbeigaben
aus Ton
aus Böotien, gefunden in der Umgebung von Orchomenos
Dieses Set an Tongefäßen befähigt die bestattete Person, auch im Jenseits auf der Insel der Seligen zu tafeln und sich zu parfümieren: großer Trinkkelch (kantharos), Trinkbecher (sogenannter Valentinsbecher), Trinkschale mit schwarzfiguriger Bemalung, Kännchen, zwei Tässchen und Duftölgefäß (unguentarium).
ca. 450–425 v. Chr.
Inv. 739–745
Objekt 6 | Fluchtäfelchen
Fluchtäfelchen
aus Blei
aus Athen
Der eingeritzte Text bezieht sich auf einen Prozess und der Absender belegt acht Personen – insbesondere einen gewissen Litias – mit Flüchen, die Hermes Katochos, Persephone und Hades umsetzen sollen.
ca. 350 v. Chr.
Inv. 2090 – ehemals Sammlung Werner Peek
Derartige Fluchtäfelchen sind in Gräbern in Athen bezeugt, da die Absender – wenn sie die „Post“ an die Unterweltsgötter zeitnah versenden wollen – diesen Weg gern nutzen. Ob die Familien der zu Bestatteten es gern sehen, dass ihre Verstorbenen als „Postboten“ missbraucht werden, mag bezweifelt werden.
für weitere Informationen:
https://westfalen.museum-digital.de/object/237
Objekt 7 | Wassergefäß (hydria) / Bestattung des Patroklos durch Achilleus – Götterversammlung
Wassergefäß (hydria) / Bestattung des Patroklos durch Achilleus – Götterversammlung
aus Ton
aus Athen (attisch-schwarzfigurig)
Auf dem Bauchbild ist eine sehr bekannte Szene aus dem berühmten homerischen Epos Ilias wiedergegeben: im Zentrum ein weißer eiförmiger Grabhügel; darüber ein kleiner Krieger nach links; im Vordergrund ein Viergespann, dessen durch viele Fehlstellen kaum erhaltener Wagenlenker neben ihm herläuft; rechts ein kauernder Löwe. Der kleine Krieger ist durch eine Beischrift (phsyche) als Seele benannt. Damit ist das dargestellte Thema klar: Achilleus umrandet während der Bestattung seines besten Freundes dessen Grab mit einem Viergespann (in ausführlicheren Fassungen dieses Themas schleift er den Hektor hinter seinem Gespann her); aufgrund dieser Beerdigung kann die Seele nun endlich ins Jenseits wechseln. Der Löwe ist somit ein Grabdenkmal, welches den Heldenmut des verstorbenen Patroklos würdigen soll.
ca. 510 v. Chr. – Leagros-Gruppe
Inv. 565
Die Götterversammlung – abgebildet sind Dionysos, Demeter, Zeus, Hermes und Hera – passt gut zur Iliasthematik des Bauchbildes, denn Homer streut immer wieder Götterversammlungen in seine Erzählung zum Kampf um Troja.
Objekt 8 | Duftölgefäß (lekythos) / Unterweltsszenen

Duftölgefäß (lekythos) / Unterweltsszenen
aus Ton
aus Athen (attisch-schwarzfigurig), wohl auf Sizilien erworben
Drei Unterweltsszenen sind auf dieser lekythos wiedergegeben: Links ist Sisyphos dargestellt, der im tiefsten Teil der Unterwelt, dem Tartaros, seine unendliche Strafe erleidet: Er muss einen Felsblock einen Berg hinaufrollen, von wo aus er immer wieder ins Tal hinabrollt. In der Mitte steht Kerberos, der Höllenhund, interessanterweise nur mit zwei Köpfen gegenüber den sonst üblichen dreien. Rechts thront die Herrscherin der Unterwelt – Persephone – in einer verkürzt wiedergegebenen Architektur: zwei Säulen mit Gesims.
ca. 500 v. Chr.
Inv. 4438 – ehemals Sammlung Max Wegner
Objekt 9 | Sarkophag-Ecke
Sarkophag-Ecke
aus Marmor
aus Kleinasien / Türkei
Das Eckfragment eines sog. kleinasiatischen Girlandensarkophages zeigt eine Sphinx und darüber noch Reste einer Siegesgöttin (Victoria), die als Trägerin der Girlanden dient.
hadrianische Zeit (ca. 117–138 n. Chr.)
Inv. 1115 – ehemals Sammlung Görtz-Strötgen
Objekt 10 | Schüssel mit Leichenbrand
Schüssel mit Leichenbrand
aus Ton
aus den nordwestlichen Provinzen des Römischen Reiches
Schüsseln, die ursprünglich zum Haushaltsgeschirr gehören, werden in Zweitverwendung gern im Grabzusammenhang genutzt.
ca. 200–250 n. Chr.
Inv. L PB AV V 9.6 – Dauerleihgabe des Vereins für Altertumskunde, Abteilung Paderborn
Objekt 11 | Haushaltsgefäß / Urne
Haushaltsgefäß / Urne
aus Ton
aus einer nordwestlichen Provinz des Römischen Reiches; Fundort gemäß Vorbesitzer Köln
Erstmalig gefunden wurden derartige Gefäße durch die Münsteraner Grabungen im Römerlager von Haltern und heißen demzufolge Halterner Kochtöpfe. Von ca. 30 v. – 50 n. Chr. (vereinzelt noch bis zum 3. Jh. n. Chr. bezeugt) werden diese Gefäße für Lebensmittellagerung bzw. -transport genutzt. Eine Zweitverwendung finden diese oft als Urnen in Gräbern.
ca. 30 v.–50 n. Chr.
Inv. L GE K 232–233 – Dauerleihgabe der Stadt Gelsenkirchen



















































