Vielfalt (Diversität) in der Antike










Vielfalt (Diversität) in der Antike
Schon in der Antike setzt sich die Gesellschaft mit dem „Anderen“ in unterschiedlichen Ausprägungen auseinander. Die Akzeptanz von Vielfalt, wie wir sie kennen, gibt es noch nicht.
Den idealen Rollen des Menschen – hier ausgedrückt durch die idealisiert schönen, nackten Körper von Mann und Frau (1+2) – wird eine Gegenwelt gegenübergestellt, die von zügellosen, wilden Naturwesen bewohnt wird. Satyrn und Mänaden (3) aus dem Umfeld des Weingottes Dionysos fallen durch rauschhafte Ekstase aus der Rolle und verkörpern so das „Andere“.
Hermaphroditos wird gemäß der Basis (4) mit Inschrift von Phano ein Bild dieses mehrgeschlechtlichen jungen Kindes des Hermes und der Aphrodite geweiht. Diese Gottheit steht u.a. für Riten des Geschlechterrollentausches und der Intergeschlechtlichkeit.
Diskriminierend sind die Abbildungen von schwarzen Afrikanern (5-9) in der griechisch-römischen Kunst. Sie werden stereotyp mit wulstigen Lippen, Stupsnasen und Kräusellocken als dienende Personen charakterisiert.
In die gleiche herabwürdigende Richtung weisen die beiden Köpfe mit krankhaften Auswucherungen am kahlen Schädel (10+11). Wie diese zu verstehen sind, ist in der Forschung ein weiterhin umstrittenes Thema. Sicherlich können diese sog. Grotesken zum Lachen anregen und somit übelabwehrend und glücksbringend wirken.
Bilder von schwarzen Afrikanern und sog. Grotesken zeigen zwar Diversität, doch die Absicht dieser Abbildungen ist keineswegs die Präsentation eines gesellschaftlichen Ideals, in dem Vielfalt allgemein akzeptiert ist, sondern ganz im Gegenteil eine Herabwürdigung des „Anderen“.
Objekt 1| Gipsabguss des Torsos eines nackten Mannes
Objekt 2| Gipsabguss des Torsos der halbbekleideten Liebesgöttin Aphrodite
Objekt 3| Satyr und Mänade auf einer Weinkanne
Objekt 4| Basis für eine Darstellung des Hermaphroditos
Objekt 5| Dienerfigur eines nackten schwarzen Afrikaners
Objekt 6| Lampe in Form eines schwarzen Afrikaners
Objekt 7| Anhänger in Form eines Köpfchens eines schwarzen Afrikaners
Objekt 8| Kopf eines schwarzen Afrikaners
Objekt 9| Fragment einer Statuette eines schwarzen Afrikaners mit geschultertem Affen
Objekt 10| kahlköpfiges Köpfchen mit Auswucherung
Objekt 11| kahlköpfiges Köpfchen mit Auswucherungen
Objekt 1 | Gipsabguss des Torsos eines nackten Mannes
Gipsabguss des Torsos eines nackten Mannes
Das Original aus Marmor befindet sich in Wien, Kunsthistorisches Museum, Inv. I 328.
aus einem der Giebel des Athen-Nike-Tempels von Athen
Der stark bewegte Torso lässt auf eine Bildkomposition mit kriegerischem Charakter schließen, so wie sie in den Giebeln mit einem Kampf der Götter gegen die Giganten im Osten und einem Amazonenkampf im Westen bezeugt sind.
Original ca. 420 v. Chr.
Inv. A 298
Objekt 2 | Gipsabguss des Torsos der halbbekleideten Liebesgöttin Aphrodite
Gipsabguss des Torsos der halbbekleideten Liebesgöttin Aphrodite
Das Original aus Marmor befindet sich in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden / Skulpturensammlung, Inv. ZV 2600/A 87.
aus Alexandreia / Ägypten
Nach der epochalen Neuschöpfung einer nackten Aphrodite durch Praxiteles wird dieses Motiv sehr variantenreich auch in nackten und halbbekleideten Statuetten umgesetzt. Obwohl dieser Torso so stark beeinträchtigt ist, kann man ihn dennoch dem Typus der Aphrodite Anadyomene – d.h. der dem Meer entstiegenen – zuordnen. Beide Arme sind zum Kopf erhoben, da die Göttin mit beiden Händen ihr Haar auswringt. Die aufgeraute Oberfläche der Oberschenkel verdeutlicht, dass sie ab dort in einen Mantel gehüllt ist.
Original ca. spätes 2. Jh. v. Chr. (120–100 v. Chr.)
Inv. A 404
Objekt 3 | Satyr und Mänade auf einer Weinkanne
Satyr und Mänade auf einer Weinkanne
aus Ton
aus Apulien / Südostitalien (apulisch-rotfigurig)
Die beiden aus dem Umkreis des Dionysos stammenden Naturwesen – ein Satyr und eine Mänade – sind in einer nächtlichen Aktivität zu sehen, da er eine Fackel trägt. Auf den Weingott verweist nicht nur die Weinkanne als Bildträger, sondern auch der Thyrsosstab in der Linken des Satyrn und das Efeublatt zwischen seinen Füßen. Während man ihm die berauschende Wirkung des Weines wenig ansehen kann, ist die wild tanzende Mänade in ihrer Ekstase sogar bereit, ein Rehkitz zu töten. Schon der Name dieser weiblichen Naturwesen („die Rasende“) weist auf ihren außerhalb der menschlichen Zivilisiertheit stehenden Charakter hin.
ca. 350 v. Chr. – nahe dem Iliupersis-Maler
Inv. 941 – ehemals Sammlung Eheleute Görtz-Strötgen
Objekt 4 | Basis für eine Darstellung des Hermaphroditos
Basis für eine Darstellung des Hermaphroditos
aus Marmor
aus Anagyrous/Südattika (Griechenland)
Die kleine Basis mit rechteckiger Eintiefung auf der Oberseite ist wohl für ein Bildnis auf einem Hermenpfeiler vorgesehen. Die eingetiefte Inschrift auf der Vorderseite sagt in Übersetzung: „Phano [weiht] dem Hermaphroditos [dies], ihr Gelübde einlösend.“ Kleinformatige Hermenpfeiler mit Bildnissen dieser Gottheit sind einige wenige bezeugt.
um 385 v. Chr.
Inv. 2073 – ehemals Sammlung Werner Peek
Diese Inschrift ist die älteste jemals gefundene, die einen Kult für Hermaphroditos bezeugt.
Objekt 5 | Dienerfigur eines nackten schwarzen Afrikaners

Dienerfigur eines nackten schwarzen Afrikaners
aus Bronze
aus Alexandreia / Ägypten
Der leicht geschraubt stehende nackte Diener hat wohl ursprünglich ein Tablett in Höhe seiner rechten Schulter getragen. Frisur, breite Stupsnase und wulstige Lippen werden in der Antike zur Kennzeichnung von schwarzen Afrikanern genutzt.
ca. 300–1 v. Chr.
Inv. 574
Objekt 6 | Lampe in Form eines schwarzen Afrikaners
Lampe in Form eines schwarzen Afrikaners
aus Ton
aus Ägypten, laut Vorbesitzer im Gebiet des Fayum erworben
Vor einem leicht nach links gerichtetem Pfeiler steht ein junger schwarzer Afrikaner, der bis auf einen Mantel, der über die linke Schulter gelegt ist, unbekleidet ist. Der dicke Bauch ist vorgewölbt, die Brustmuskulatur deutlich sichtbar. Mit der rechten Hand stützt er sich auf einen länglichen Gegenstand, die Linke greift ins Gewand. Auch seine Kopfgestaltung folgt der für schwarze Afrikaner typischen Sterotypie (siehe Nr. 5).
ca. spätes 3. Jh. v. Chr. (220–200 v. Chr.)
Inv. 443 – ehemals Sammlung Otto Rubensohn
Objekt 7 | Anhänger in Form eines Köpfchens eines schwarzen Afrikaners
Anhänger in Form eines Köpfchens eines schwarzen Afrikaners
aus dunkelviolettem schwarz wirkendem Glas
Herkunft unbekannt, wohl östliches Mittelmeergebiet
Der kleine Kopf fügt sich exakt in die unter Nr. 5 skizzierten Darstellungsmuster für schwarze Afrikaner ein. Aufgrund der ausgebrochenen Öse kann der Kopf nur als Anhänger gedient haben.
ca. 300–1 v. Chr.
Inv. 2272 – ehemals westfälischer Privatbesitz
Objekt 8 | Kopf eines schwarzen Afrikaners
Kopf eines schwarzen Afrikaners
aus Ton
aus Ägypten
Qualitätvoll ausgearbeiteter Kopf. Die ethnischen Besonderheiten wie die herausgeformte Mundpartie, dicke Lippen, eine breite, flach gedrückte Nase und kräuselige, nur angedeutete Locken sind gut wiedergegeben. Eine breite waagerechte Falte teilt die Stirn – auch dies ist häufig für derartige Köpfe bezeugt, um das angestrengte Agieren zu verdeutlichen.
ca. spätes 3. Jh. v. Chr. (220–200 v. Chr.)
Inv. 399 – ehemals Sammlung Otto Rubensohn
Objekt 9 | Fragment einer Statuette eines schwarzen Afrikaners mit geschultertem Affen
Fragment einer Statuette eines schwarzen Afrikaners mit geschultertem Affen
aus Ton
aus Ägypten, laut Vorbesitzer im Gebiet des Fayum erworben
Die leicht vorstehende, untere Hälfte des Gesichtes, die breite Nase und die kurzen, kringelförmigen Locken betonen die ethnischen Merkmale des Jünglings. Der Mund ist leicht geöffnet, schwere Lider zieren die zu Schlitzen verengten Augen. Der Affe hockt mit gekrümmtem Rücken seitlich auf den Schultern und hält sich mit den Händen auf dem leicht nach links geneigten Kopf des Jungen fest, während er sich mit den Füßen am Hals abstützt.
ca. 250–200 v. Chr.
Inv. 398 – ehemals Sammlung Otto Rubensohn
Objekt 10 | kahlköpfiges Köpfchen mit Auswucherung
kahlköpfiges Köpfchen mit Auswucherung
aus Ton
aus Ägypten, laut Vorbesitzer im Gebiet des Fayum erworben
Leicht nach rechts geneigter Kopf mit ausgeprägten Gesichtszügen. Die vollen Lippen sind leicht geöffnet und geben den Blick auf die obere Zahnreihe frei. Über dem Mund ragt die schmale Nase weit hervor. Unter den eingefallenen Wangenpartien treten die Knochen deutlich hervor. Die Augen sind umrandet und tief eingeschnitten, die Brauen hochgezogen. Über der leicht zurückgenommenen, faltigen Stirn setzt der kahle Schädel an, auf dessen rechter Hälfte eine kegelförmige Ausformung wächst. Große Ohren schließen den Kopf seitlich ab.
Wende 3./2. Jh. v. Chr. (ca. 210–190 v. Chr.)
Inv. 395 – ehemals Sammlung Otto Rubensohn
Objekt 11 | kahlköpfiges Köpfchen mit Auswucherungen
kahlköpfiges Köpfchen mit Auswucherungen
aus Ton
aus Ägypten, laut Vorbesitzer im Gebiet des Fayum erworben
Der männliche, im Kinnbereich spitzovale, jugendliche Kopf mit weit ausladendem Hinterkopf ist zu seiner linken Seite geneigt, der Mund geöffnet. Ein kleines Grübchen ziert das Kinn. Auf dem kahlen Schädel sind drei flache, runde, grob strukturierte Wucherungen plastisch angegeben.
ca. 150 v. Chr.
Inv. 433– ehemals Sammlung Otto Rubensohn
Karikaturen und Grotesken wie Nr. 10+11 sind in der griechisch-römisch-ägyptischen Kleinkunst häufig vertreten. Sie zeigen in der Regel vor allem soziale Randgruppen und Außenseiter. Die Abnormität der körperlichen Gebrechen wird in der Antike zumeist negativ interpretiert und zieht beißenden Spott nach sich.




































